Since 1948. Die Zahl erschien für wenige Sekunden auf der Leinwand. Dann verschwand sie wieder. Es war mein erster Tag in einem weltweit agierenden Unternehmen. Onboarding-Woche. Rund dreißig neue Mitarbeitende saßen damals im Konferenzraum. Eine Produktentwicklerin aus Japan. Ein Supply-Chain-Spezialist aus Indien. Eine Designerin aus Brasilien. Marketingkollegen aus den USA, Polen und Südafrika. Menschen, die künftig gemeinsam an denselben Produkten und Projekten arbeiten würden.
Auf dem nächsten Chart ging es längst um Wachstumsmärkte, Nachhaltigkeitsziele und Zukunftsstrategien. Doch meine Gedanken blieben an den vier Ziffern hängen: 1948. Für das Unternehmen ist die Sache eindeutig. Es ist das Gründungsjahr. Der Ursprung. Der erste Satz einer Erfolgsgeschichte. Aber was bedeutet diese Zahl für die Menschen im Raum, die aus vielen Ecken der Welt kommen?
Während einer Pause fragte ich ein paar der neuen Kolleginnen: „Woran habt ihr eigentlich gedacht bei 1948?“ Die genauen Worte sind mir nicht in Erinnerung geblieben, aber ich habe die Antworten noch ungefähr im Kopf.
Die Produktentwicklerin aus Japan meinte nach kurzem Überlegen, dass sie die Zahl nicht mit einem bestimmten historischen Ereignis verbinde. Für sie stehe sie vor allem für Kontinuität. In Japan gebe es Unternehmen, die seit Jahrhunderten existieren. Wenn sie ein Gründungsjahr sehe, frage sie sich weniger, welches Ereignis dahinterstehe, sondern eher, wie es einem Unternehmen gelungen sei, so lange erfolgreich zu bleiben.
In ihrer Heimat gibt es sogar einen eigenen Begriff dafür: shinise – traditionsreiche Häuser, deren Erfolg weniger an kurzfristigem Wachstum als an ihrer Fähigkeit gemessen wird, zu überdauern und Wandel erfolgreich zu gestalten. Und genau deshalb ist das kleine Wort über der Zahl so interessant: „Since“. Es wirkt harmlos. Fast technisch. Die Botschaft dahinter: Wir sind geblieben. Denn „Since“ beschreibt nicht nur einen Zeitpunkt. Es beschreibt Dauer, Resilienz.
Wenn ich mich richtig erinnere, ging die Antwort der Designerin aus Brasilien schmunzelnd in folgende Richtung: „Ehrlich? Für mich war das einfach eine alte Jahreszahl. Ich habe gar nicht über Geschichte nachgedacht. Aber klar: Jemand muss etwas richtig gemacht haben, wenn man so lange existiert.“ Eine Kollegin aus Israel wiederum verband die Zahl mit der Staatsgründung Israels und fand gerade deshalb spannend, dass dieselbe Jahreszahl für andere Menschen ganz andere Bedeutungen haben kann.

Dasselbe Chart, dieselbe Zahl, drei unterschiedliche Lesarten. Vielleicht liegt darin eine der größten Herausforderungen globaler Kommunikation. Unternehmen erzählen eine einzige, oft auf das Headquarter zentrierte Geschichte. Doch diese Einheitserzählung resoniert weltweit in unterschiedlichsten Erinnerungskulturen und Erzählgemeinschaften.
Anders als Bilder, Farben oder Sprache brauchen Jahreszahlen – auf den ersten Blick – keine kulturelle Übersetzung oder Interpretation. „1948“ kann in Nürnberg, Tokio, São Paulo oder Tel Aviv gelesen werden – trotz unterschiedlicher Schriftsysteme. Diese auf die Bedeutung reduzierte Sicht der Zahl wird zur Verpflichtung, sie zu erklären. Zugleich ergeben sich hier große Chancen, die Diversität einer Organisation als Stärke zu nutzen.
Der französische Historiker Pierre Nora verstand kollektive Erinnerung als etwas, das sich an symbolischen „Erinnerungsorten“ festmachen lässt. Folgt man der Literatur zu solchen „Erinnerungsorten“, beschränkt sich das nicht nur auf physische Orte. Nicht nur Monumente oder Gedenktage können diese Orte sein, sondern auch Jahreszahlen. Vier Ziffern reichen aus, um ganze Erinnerungslandschaften aufzurufen. „2001“, „1989“ oder „1968“ werden zu Chiffren. Oder eben „1948“. Doch Gesellschaften leben in jeweils eigenen Erinnerungskulturen. Übersetzt heißt das: „1948“ funktioniert global, aber es gibt kein eindeutiges globales „1948“.
Ich sah in die Runde. Zugegeben: Die Hinweise zu Nachhaltigkeitszielen und den Corporate Benefits hatte ich nur mit halbem Ohr mitbekommen. Die Botschaft hinter „1948“ inspirierte mich. Vielleicht auch deshalb, weil ich wusste, dass ich mich künftig intensiv mit der Geschichte des Unternehmens beschäftigen und sein Archiv mit erschließen würde. Aus einer Jahreszahl wurde plötzlich mehr als ein historisches Datum. Sie stand für den Anfang einer Unternehmensgeschichte, die bis heute fortgeschrieben wird, und für die Menschen, die sie geprägt haben.
Aus dem Onboarding wurde zugleich ein erster Arbeitsauftrag. Unternehmen versuchen, mit ihrem Gründungsjahr einen gemeinsamen Bezugspunkt zu schaffen, einen Erinnerungsort, der Herkunft, Identität und Kontinuität stiftet. So gut das funktioniert, so sorgsam muss man mit den individuellen Assoziationen umgehen. Wer Teil einer Organisation wird, lernt mit der Zeit, eine Zahl wie „1948“ als Beginn einer gemeinsamen Unternehmensgeschichte zu verstehen.
Und darum begegnet man wohl der Since-Botschaft überall. Auf den Webseiten deutscher und japanischer Familienunternehmen. Auf den Verpackungen italienischer Lebensmittelhersteller. Auf den Schildern britischer Traditionshäuser. Auf den Startseiten amerikanischer Technologiekonzerne. Oder in Onboarding-Präsentationen. Stellt sich die Frage: Welche Querbezüge geteilter Jahreszahlen darf man nutzen, welche nicht? Das ist eine sensible, aber wichtige Frage.
Als die Präsentation endete, drehte sich die Diskussion längst um Märkte und Produktinnovationen. Die Zukunft also. Das erste gemeinsame Fundament für das Verständnis dieser Themen war jedoch bereits mit dem ersten Chart gelegt worden.
Alle Beiträge der Serie SINCE gibt es hier.
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