Es war kein Jubiläum, das zum Feiern verleitete. Vielmehr rührte der 100. Jahrestag der Gründung des IG Farben Konzerns im Dezember 2025 einmal mehr an Dingen, die man über lange Zeitstrecken hinweg auch in Ludwigshafen am Rhein lieber vergessen wollte. Die Verbindung von BASF SE mit I.G. Farben ist in Teilen bis heute erklärungsbedürftig geblieben. Nicht jeder weiß heute noch, dass das Chemieunternehmen 1925 in der I.G. Farbenindustrie AG fusionierte und damit Teil des bis dato größten Chemiekonzerns Deutschlands wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er enteignet und zerschlagen, die Führungsriege von I.G. Farben im I.G.-Farben-Prozess angeklagt.
BASF erlebte indes 1952 seine Neugründung – und begann erst in den 1990er-Jahren damit, das Kapitel I.G. Farben in Ludwigshafen kritisch aufzuarbeiten. Denn I.G. Farben kooperierte letztlich eng mit den Nationalsozialisten, spielte eine entscheidende Rolle für deren Kriegsvorbereitung und -führung. Und, ja auch das: I.G. Farben war in Verbrechen gegen die Menschlichkeit involviert. Schätzungsweise 25.000 Menschen kamen im Zusammenhang mit dem I.G.-Werk Auschwitz infolge ihrer Zwangsarbeit für I.G. Farben zu Tode. Dort wurde ab 1942 in Kooperation mit der SS auch ein firmeneigenes Konzentrationslager (Buna/Monowitz) unterhalten.
Fakten wie diese machen die Aufarbeitung zum 100. Gründungstag von I.G. Farben einmal mehr zu einer notwendigen kommunikativen Aufgabe, der sich die Historikerinnen Dr. Susan Becker und Dr. Isabella Blank-Elsbree von BASF Corporate History annahmen.


Fundieren Kommunikation aus dem Archiv heraus: Dr. Susan Becker (l.) und Dr. Isabella Blank-Elsbree, Historikerinnen bei BASF Corporate History.
Ein transparenter Überblick
Natürlich hat mittlerweile ein Umdenken in Ludwigshafen in Sachen Erinnerung stattgefunden. Dr. Susan Becker berichtet, dass das lange nicht der Fall war: „Über viele Jahrzehnte war die einzige Richtschnur im Umgang von BASF mit der NS-Geschichte ihre mangelnde I.G. Farben-Rechtsnachfolge. Andere als juristische Erwägungen hatten dabei keinen Platz.“ Mit der Diskussion um die Zwangsarbeiterentschädigung zum Ende der 1990er-Jahre habe sich der Blickwinkel des Unternehmens schließlich geweitet. Das Verständnis für die historische Verantwortung sei immer stärker gewachsen: „Heute ist BASF bereit, sich der öffentlichen Auseinandersetzung mit der I.G. Farben-Geschichte zu stellen.“ Auch der direkte Standortbezug sei deshalb beiden im Rahmen der Aufarbeitung wichtig gewesen, unterstreicht Dr. Isabella Blank-Elsbree: „Das Projekt sollte sofort verdeutlichen I.G. Farben hat unmittelbar mit uns in Ludwigshafen zu tun, nicht etwa mit einer Konzernzentrale in Frankfurt am Main!“
In jüngerer Vergangenheit hat BASF mehrfach öffentlich ein klares Bekenntnis zum I.G. Farben-Erbe gesetzt. 2025 nahm mit Markus Kamieth erstmals ein BASF-Vorstandsvorsitzender an der offiziellen Gedenkfeier in der Gedenkstätte Auschwitz teil, eingeladen vom World Jewish Congress.
Vor diesem Hintergrund sind auch die Inhalte zu verstehen, die BASF Corporate History für das Webprojekt erarbeitete. Dabei galt es für die beiden Historikerinnen zunächst einmal Struktur in einen Wirrwarr aus unterschiedlichsten Themen, Aspekten, Quellen und Narrativen zu bringen. Aufgrund der archivischen Überlieferungslage konnten sie auf manche Fragen keine Antwort geben oder mussten vage bleiben. „Auch damit sind wir aber transparent umgegangen“, so Dr. Susan Becker. Die Mythen und Narrative wurden offen thematisiert und hinterfragt: „Dabei ging es uns nicht nur um die Überprüfung ihres Wahrheitsgehalts mithilfe historischer Quellen, sondern auch darum, ihren Entstehungskontext zu ergründen.“


Das Ergebnis gibt einen informierten Überblick, der zum Hineinvertiefen einlädt. Eingangs musste dazu entschieden werden, was inhaltlich aufgegriffen werden muss und auch, wo eine Positionierung von BASF zum I.G. Farben-Erbe jeweils wichtig ist. Bei einem so hoch komplexen Thema sei nicht immer einfach gewesen, erinnert sich Dr. Isabella Blank-Elsbree. Mit zu viel Inhalten und Details überfordern wollte man die Leserschaft schließlich nicht. Dr. Susan Becker ergänzt: „Wichtig war uns außerdem zu zeigen, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht abgeschlossen ist. Besonders deutlich wird dies z.B. an der Neubewertung der Rolle einzelner Personen wie Carl Wurster.“ Herausfordernd war es dabei, den Spagat zwischen wissenschaftlich korrekter und trotzdem anschaulicher Darstellung zu meistern.

Offenheit als Maxime
Letztlich zeigt das Projekt „100 Jahre I.G. Farben“, wie entschieden sich das Selbstverständnis von BASF im Umgang mit der eigenen Geschichte verändert hat. Heute ist Offenheit in der Darstellung die Grundvoraussetzung für einen glaubwürdigen Umgang mit der Unternehmens- bzw. Standortgeschichte.
Dass man dabei die internationale Öffentlichkeit über eine auch in englischer Sprache verfügbare Webseite sucht, sieht Dr. Susan Becker ebenfalls als einen Indikator für die große Bereitschaft, sich kritisch mit historischen Themen auseinanderzusetzen und eine Neubewertung zu wagen. Letzteres wird besonders am Beispiel Carl Wurster deutlich, von 1938 bis 1945 und über den Umbruch des Kriegsendes hinaus Werksleiter in Ludwigshafen und ab 1952 erster Vorstandsvorsitzender der neugegründeten BASF, der historisch nun deutlich differenzierter eingeordnet wird und Teil einer noch kritischeren Skizzierung der „Vergangenheitsbewältigung“ des Unternehmens in den Nachkriegsjahrzehnten sei, beschreibt es Dr. Susan Becker.
Die Rückmeldungen aus Unternehmen und Öffentlichkeit jedenfalls fielen ausnahmslos positiv aus. Nicht nur für unseren Kunden dürfte das sicher eine Bestätigung dafür sein, dass die Auseinandersetzung gerade mit kritischen historischen Themen wertgeschätzt wird.
Für uns zeigt das Projekt einmal mehr die unterstützende und kuratierende Funktion von Unternehmensarchiven bzw. der Menschen, die darin arbeiten, ihre Unabdingbarkeit für geradlinige Kommunikation. Durch Historiker*innen und Archivar*innen wird eine fundierte öffentliche Auseinandersetzung auch mit unbequemen Realitäten erst möglich. Sie geben auch vermeintlich sperrigen Themen Orientierung und fundieren eine für die Öffentlichkeitsarbeit so dringend notwendige Haltung mit Fakten. Das Webprojekt zeigt dabei die Stärke interdisziplinärer Zusammenarbeit. Im Team saßen auf beiden Seiten Historiker*innen, eine Redakteurin, eine Kommunikationsmanagerin, flankiert von einem Art Director. So griff beim gemeinsamen Arbeiten alles ineinander und führte die vielen Einzelfäden in einem überzeugenden Ganzen zusammen.
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